Die Fankneipe Abseitsfalle – Hoffnung ist nur, dass es irgendwann zu Ende ist

Die “Fankneipe Abseitsfalle” in Berlin Köpenick sollte jeder Union Berlin Fan kennen. Sie ist die letzte Kneipe bevor man zur alten Försterei einbiegt. Dort wird noch Fußball gespielt. Die Abseitsfalle allerdings ist seit November geschlossen.

Der Betreiber Michael Frank ist trotzdem drei Vormittage die Woche da und erledigt alles, was ansteht. Das wichtigste dabei sei, die Wirtschaftshilfen der Regierung zu bekommen. Die seien zwar schon bewilligt, aber noch nicht da. “Wir haben zwar jetzt schon Bescheid gekriegt, dass wir Dezember-Hilfe kriegen, aber im Endefffekt haben wir erst für November ne kleine Abschlagszahlung bekommen, mehr ist da noch nicht angekommen.” „Es gibt bestimmt kein Patentrezept, aber man schon das Jefühl, dass die Politik so ein bisschen im Nebel stochert.“ Nach dem ersten Lockdown hätte man das schon besser vorbereiten können für den Herbst. Ist aber leider nicht passiert.” Das hat natürlich auch für die Mitarbeiter extreme Auswirkungen. Einige sind in Kurzarbeit, die meisten aber komplett außen vor, weil keine Fußballspiele mehr laufen. “Sky hat uns im März und April die Zahlungen erlassen, aber seitdem zahlen wir 80% von vorher. Und das obwohl wir seit Monaten keine Spiele mehr zeigen. Sind auch immerhin über 1500 Euro im Monat. Aber irgendwie müssen die ja auch ihr Geld verdienen…” Ausweichmöglichkeiten oder andere Nutzungskonzepte gibt es keine. Die Abseitsfalle lebt vom Sport und von der Begegnung. “In dem Moment wo allet stillsteht, passiert hier natürlich nüscht”.

 Auch die Auswirkungen auf die Fankultur könnten enorm sein, aber Michael Frank macht sich da insbesondere bei Union Berlin keine Sorgen. “Ab der ersten Sekunde werden alle wieder da sein und sich in die Arme fallen, soweit se dürfen. Sind aber sicherlich auch einige enttäuscht, dass es diese Saison auch ohne den 12. Mann so gut läuft (lacht)”. Michael Frank telefoniert regelmäßig mit Bekannten und Stammgästen aus der Bar, anderen Wirten oder auch ehemaligen Spielern um sich über die Situation auszutauschen und den Kontakt nicht zu verlieren. “Die meisten sind natürlich total frustriert, andere findens och mal gar nicht so schlecht, dass sie im Fernsehen hören, was die Trainer so sprechen und wie laut es eigentlich auf dem Platz ist. Könnte mir auch vorstellen, dass die Spieler davon profitieren, weil die ja sonst gar nicht hören, wat die da draußen reden (lacht). Aber die meisten haben natürlich Probleme damit. Macht ja auch kein Spaß, so alleine vorm Fernseher, ohne Atmosphäre, ohne allet”.

Was dabei bleibt ist eigentlich nur die Hoffnung, dass der ganze Spuk bald vorbei ist und dass man wieder normal ins Stadion und in Kneipen gehen kann. Michael Frank hat diese Hoffnung noch und sie lässt ihn weitermachen. Vielleicht kann zur neuen Saison der 12. Mann wieder in die Abseitsfalle und anschließend in die alte Försterei gehen. Es wäre dem Verein mit seiner tollen Fankultur zu wünschen. 

Analoges Spielzeug adé?

„Zeit ist relativ“ sagte schon Albert Einstein einst und auch Menschen ohne Nobelpreis in angewandter Physik können mit dieser Aussage etwas anfangen. Besonders haarig wird es meist in Räumen die (zufälligerweise) Wartezimmer heißen. Ein zeitliches Ereignis toppt aber all das, zumindest aus Kindersicht. Es ist die gefühlte Dekade vor der Bescherung, der Moment, an dem man kurz in sein Zimmer muss, damit der Weihnachtsmann die Geschenke unter den Baum legen kann. Sobald das Kommando ertönt, öffnen sich die Zimmertüren und wie aufgepeitschte Rennpferde kommen die Kinder zur Bescherung galoppiert.

Bis jetzt: Was früher wie eine schier unüberwindbare Zeitwand wirkte, ist heute die perfekte Dauer für eine Runde Fortnite. Und wenn man gut dabei ist, sogar zu kurz dafür. Statt leuchtende Kinderaugen zu sehen, bekommt man nur „chillt mal alter, ich bin in der Top 15, jaaaaa, ich komme doch sofort, man jaaaaaa natürlich freue ich mich meine Großeltern zu sehen, nerv mal nicht, alter, jetzt bin ich gestorben, euer Ernst man?“ zu hören. Fest der Besinnlichkeit und Nächstenliebe am Arsch. Die Großeltern merken, dass sich doch lieber alleine zuhause geblieben wären und der angetrunkene Onkel fühlt sich bestätigt, dass „die da oben“ den Kindern nun auch noch ausbleibende Vorfreude geimpft haben. Und wer ist Schuld daran? Am ehesten vermutlich die Entwickler von Virtual Reality. Die haben nämlich zu verantworten, dass die Technik immer noch nicht den nötigen Entwicklungsschritt gemacht hat, um ein massentaugliches Produkt zu werden. Analoges Spielzeug ist einfach out und bald wird das auch jeder wissen. Aktuell leben wir allerdings noch in einer merkwürdigen Scharnier-Zeit in der nostalgische Eltern ihren Kindern immer noch Barbiepuppen und Transformers-Aktionfiguren schenken. Diese wünschen sich insgeheim aber Zugangskeys für einen VR Schwangerschafts- und Zombieschlacht-Simulator. Genderklischees bleiben, aber die Spielewelt wird sich verändern. Aber eben noch nicht im Jahre 2020. Noch befinden wir uns im „Zeitalter der Kabelzeit“, wie es in dem Buch QualityLand 2.0 von Marc-Uwe Kling benannt wird. Die digitale Revolution braucht noch ein paar Patches. Das Verhalten der Kinder wird also nicht als progressiv und zukunftsweisend gefeiert, sondern führt dazu, dass der bereits von Desinfektionsspray triefende Haussegen noch schiefer hängt als vorher. Warum dieses Jahr nicht einfach mal schneller vorbeigeht, als sonst, weiß niemand so richtig. Danke für nichts, Albert Einstein.

Der Flughafen mit dem langweiligen Namen

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg “Willy Brandt” (BER) ist endlich eröffnet wurden und die Liste der Mängel ist mindestens so lang wie der Name des Flughafen und einige Entscheidungen im Bauprozess so fragwürdig, wie das ein Flughafen im ehemaligen DDR-Gebiet nach einem Kanzler der BRD benannt wird. Warum ein Flughafen überhaupt einen Namen haben muss, konnte auch nach intensiver Recherchearbeit nicht eindeutig beantwortet werden. Fest steht, dass hier viel Potential verschwendet wurde, international als die Stadt mit dem verrückten Flughafen-Namen bekannt zu sein, aber daran denken die Verantwortlichen natürlich wieder nicht. Die Diskussion über den Namen bleibt allerdings ebenso unspektakulär, wie die eigentliche Eröffnung. Das hatte sich der Flughafen sicher auch anders vorgestellt: Jahre lang hat er auf seine Eröffnung hingefiebert und jetzt wird kaum darüber berichtet, weil Covid und der LockdownLite überall die Nachrichten dominieren. Die Verantwortlichen wird es sicherlich freuen, dass ihr Versagen nicht nochmals zur Schau gestellt wird und sie sich heimlich aus dem Staub machen können. Schon bald wird auch die kleine Medienwelle abgeschwappt sein und der BER steht dann hoffentlich auf dem Trockenen. Wird man nach Ende der Pandemie endlich mal wieder mit Strohhut, Hawaii Hemd und leichter Bierfahne auf seinen Billigflug nach Malle warten, wird man sich fast schon legendäre Fehlplanung erinnern, aber schon bald wird man den BER nur noch als das wahrnehmen, was er ist: ein Flughafen mit einem langweiligen Namen. 

Zwischen Surrealismus und bitterer Realität – eine Kritik

Manche Ereignisse muss man einfach live mitbekommen, damit man am nächsten Tag an der Kaffeemaschine mitreden kann. Nach der siebten Staffel von Game of Thrones und der Geburt von Knut, dem Eisbären war es mal wieder soweit: Die US-Wahl stand an und mit ihr die Hoffnung, dass dieses Jahr doch nicht als das schlechteste seit der Kreuzigung von Jesus in die Geschichte eingeht. Zugegebenermaßen gab es seit Jesus Tod bis heute vermutlich noch allerhand schlechtere Jahre und auch die Hoffnung, dass 2020 plötzlich doch wieder als tolles Jahr, in welchem man endlich eine Ausrede hat, nicht zum 60. Geburtstag seiner Großtante zu müssen, wahrgenommen wird, bleibt unwahrscheinlich. Trotzdem mindert das in keiner Weise den Eventcharakter und wer nicht mit Hot Dogs und Homer Simpson-Donuts erwartungsfroh vor dem Fernseher sitzt, hat einiges falsch gemacht. Das ganze erinnert erstaunlich an den Superbowl: keiner kennt so richtig die Regeln, aber wenn irgendwas, was wie ein Erfolg für die sympathisierte Seite wirkt passiert, freut man sich, als wäre man höchstpersönlich den Homerun gelaufen. 

Bereits im Vorfeld gab es schon viel Kritik: alleine das Sequel von Christopher Columbus und wie dort die indigene Bevölkerung dargestellt und vertrieben wird, ist aus heutiger Sicht höchst fragwürdig und würde sicher nicht mehr die Euphorie von damals auslösen. Auch der Trailer verrät einigen Leuten zu viel und es gibt eine Reihe populärer Leaks, die die Handlung erstaunlich richtig spoilern (ein populärer Leak stammt von Bernie Sanders, der ursprünglich für die Rolle des Protagonisten im Casting war). Dieser fasst die Handlung wie folgt zusammen: In den USA steht die Präsidentschaftswahl an und diese Wahl ist wichtiger denn je. Am Wahlabend scheint es so, als dass der amtierende Präsident, der ganz eindeutig als Antagonist aufgebaut wird, die Wahl gewinnt, allerdings verzögert sich die Auszählung der Briefwahl, sodass es am Ende nochmal spannend wird. Trotzdem stellt sich der Antagonist, gespielt von Donald Trump am Wahlabend vor die Kameras und erklärt sich zum Sieger und alle weiteren Auszählungen als ungültig. Es entsteht ein spannender Wettlauf gegen die Zeit mit Demonstrationen auf beiden Seiten die “Stop the Count” respektive “Every Vote Counts” proklamieren. Dieser Teil ist dramaturgisch sehr ansprechend umgesetzt, allerdings scheinen auch schon einige negative Aspekte durch: Die Charaktere sind zu eindeutig als gut und böse besetzt und zeigen auch keinerlei Entwicklung oder Ambivalenz in ihrer Rolle. Gleichzeitig sympathisiert man nicht wirklich mit dem Protagonisten, gespielt von Joe Biden, während man dem Antagonisten von Minute 1 an große Antipathie entgegen bringt. Das ist leider sehr vorausschaubar und dadurch etwas langweilig. Auch dramaturgisch gibt es durchaus Schwächen: besonders die Redundanz bestimmter Story-Stränge hätte man durchaus straffen können und als John King, der den CNN-Newsanchor John King spielt zum 7. mal die Zahlen des County Miami-Dade mit den der vorherigen Wahl vergleicht, haben bestimmt einige abgeschaltet. Dass es am Ende des Events einen Cliffhanger gab und es nicht wie angekündigt eine abgeschlossene Handlung in der einen Nacht gab, ist sicherlich auch einigen sauer aufgestoßen. 

 

Um das Spektakel mit einem Wort zusammenzufassen: surreal. Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen und lassen sich kaum noch eindeutig voneinander trennen. Alles in allem könnte man dennoch von zufriedenstellender Unterhaltung sprechen, wenn auch die hohen Erwartungen nicht durchgehend gehalten werden konnten, aber auch das ist durchaus ein Phänomen, welches von von anderen Enden, wie das in der Einleitung genannte Game of Thrones kennt. Man muss den DrehbuchschreiberIn aber definitiv zu gute halten, dass die Handlung noch nicht abgeschlossen und man extrem an der Fortsetzung interessiert ist. Ich werde es definitiv weiter verfolgen und würde euch, trotz einiger dramaturgischer Schwächen im Mittelteil empfehlen, es auch zu tun. 

Palma oder London? Hauptsache Berlin!

Lucas Lehmann ist im Herzen Berliner. Er ist hier geboren und aufgewachsen. Sieht man allerdings sein heutiges Zimmer, könnte man genauso gut denken, dass er Londoner oder Spanier ist.

Als Kind war sein Traumberuf, Teamarzt bei Fußballverein Hertha BSC Berlin zu werden. „Meene Hertha“ wie Lucas sie liebevoll nennt. „Ne richtige Alternative gab es eigentlich nicht“, Auch in schweren Zeiten, die bei der Hertha nicht gerade selten waren, blieb er dabei: „Erfolgsfans, die plötzlich Bayern oder Dortmund-Fan werden, kann ich nicht verstehen.“

Lucas war schon immer nicht nur Berliner. Den coolen und trendigen Mix aus Streetwear und Young Professional tauscht er bei angebrachten Witterungen gegen nicht minder coole Leinenhemden und Birkenstock. Man mag sich schon ausmalen, wie er in der malerischen Altstadt von Palma de Mallorca vor einer gemütlichen Tapisserie von seiner Vespa steigt. Und bei Lucas ist das kein Klischee. Seine Großeltern, die fernab vom Trubel des Ballermanns seit vielen Jahren auf der Balearischen Insel leben, besucht er mehrmals im Jahr und genießt den Kontrast zu seiner „Heimat“ Berlin. Dass er ein Viertel Spanier ist, ist nicht Fassade zur Selbstdarstellung auf Instagram, sondern Teil seiner Identität. „Palma de Mallorca ist für mich Heimat, genau wie es Berlin ist.“

Doch dann kam, nach seinem Abitur 2015, seine dritte große Liebe London in Spiel. Ausschlaggebend dafür war – natürlich – der Sport. “London ist für Fußballfans natürlich das Nonplusultra, besser geht’s doch gar nicht!“, sagt Lucas. Zurecht; die englische Premier League ist die größte Fußball-Liga der Welt und London mit aktuell sieben Teams in der höchsten Liga sowas wie das Epizentrum vom Mutterland des Fußballs. „Da ist mir dann auch die Verbindung von Sport und Musik so krank bewusst geworden.“, führt Lucas weiter aus, „Ich kann mich dran erinnern, da hat Stormzy über Facebook damals ein Surprise Concert angekündigt. Ne Stunde vorher und da waren dann 200 Leute, das war echt krank.“ Lucas war dort zu einer Zeit, als Stormzys „Shut Up“ eher 100 als 100 Millionen Aufrufe auf YouTube hatte und Skepta noch Drogen verkaufte. Grime, wie dieser mit schnellen, treibenden Beats unterlegte UK-Rap genannt wird, ist heutzutage Mainstream. Stormzy hat mehrere Nummer 1 Alben, eine Welttournee und Hits mit Kalibern wie Ed Sheeran. Heute hängen die Poster der Europa-Tour   in Lucas Zimmer. Das Konzert in der ausverkauften Columbiahalle, hat er natürlich auch besucht. „Ich war dabei, bevor sie richtig durch die Decke gegangen sind. Damals ist die Liebe für UK Hip Hop/ Grime entstanden, auf jeden Fall!“

 Auch wenn sie weit von seiner Lebensrealität entfernt ist. Vielleicht aufgrund der romantisierten Darstellung, dass man es entweder nur mit Musik oder Fußball aus den Londoner Problembezirken rausschafft. Stormzy und Skepta haben diese Straßenkicker-Mentalität, die man in der modernen, kommerzialisierten Fußballwelt nur noch selten sieht.

„Ich wollte auch über Fußball berichten, aber entspannt und mit gleichaltrigen und nicht irgendwie mit 55 Jährigen, sowas gibt’s in Deutschland leider noch nicht so richtig.“ Formate wie das von Lucas heiß verehrte Copa 90, in dem junge, „coole“ in der Popkultur verwurzelte Moderatoren das sportliche Geschehen einordnen, besetzen in Deutschland abgehalfterte Ex-Profis, die eher durch Biertrinken, als fachliche Expertise auffallen. „Diese Street und Urban Szene hat es mir einfach total angetan. Die kenne sich auch untereinander alle, egal ob Rapper oder Fußballer“. Und das, obwohl, sie eher im Kontrast zu Lucas ästhetischem Lebensstil steht, bietet sie die Grundlage dafür, dass Lucas seine Leidenschaft für Sport und Sportberichterstattung als Berufswunsch verwirklichen will.

Widersprüche müssen sich nicht ausschließen. Am besten zeigt das Lucas Zimmer, in dem Bilder von Picasso neben dem Fußballspieler und gebürtigen Berliner Jerome Boateng hängen, der nicht gerade als mediterraner Künstler bekannt ist. Lucas vereint diese Widersprüche in sich, ohne, dass es unpassend wäre.

 

 

Stirb langsam, Filmkultur!

Eine Kreuzberger Videothek wehrt sch gegen den Verfall der Filmkultur in Deutschland. Zu diesem Zweck geben die Betreiber mittlerweile sogar Seminare in Schulen und Universitäten.

 

Wie einst Gallien bestand Deutschland zu Beginn dieses Jahrtausends aus einer Ansammlung vieler kleiner „Stämme“, welche die unterschiedlichen Bereiche der Wirtschaft unter sich aufgeteilt hatten. Freilich gab es damals auch schon Fürsten, die große Gebiete unter ihrer Herrschaft hatten, aber ganz Gallien bzw. Deutschland zu erobern, das hatte bisher noch niemand geschafft. Im Jahre 2019 ist die Lage schon eine ganz andere. Die deutsche Wirtschaft ist zwar noch nicht vollständig von den „Römern“ erorbert, aber wenn man diesen Gedanken konsequent weiterdenkt, wird es wahrscheinlich nur noch wenige Jahrzehnte dauern. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass Julius Cesar in diesem Szenario Mark Zuckerberg (Facebook-Gründer) oder Jeff Bezos (Amazon CEO) heißt.

Ein Beispiel an dem man dieses Dystopie-Szenario gut erkennen kann, ist das zunehmende Videothekensterben in Deutschland. Während es 2010 noch 2795 Videotheken in Deutschland gab, waren es im Jahre 2017 gerade noch  601, Tendenz weiter sinkend. (siehe Grafik).

Infografik: Stirb langsam – Immer weniger Videotheken in Deutschland | Statista
https://de.statista.com/infografik/10812/anzahl-der-videotheken-in-deutschland/

Am Interesse an audio-visuellem Storytelling kann es nicht liegen, im Gegenteil, jenes scheint ausgeprägter denn je. Liegt es daran, dass sich die Menschen zunehmend an die Bequemlichkeiten der schönen neuen Welt gewöhnt haben und mit dem schier unendlichen Content in ihrer handlichen Mattscheibe, für die sie nicht einmal das Haus verlassen müssen zufrieden sind? Gut möglich, aber es gibt glücklicherweise noch Romantiker, die an den Werten der alten Kultur festhalten und sich mit allen möglichen Mitteln dagegen stemmen, dass die römischen Truppen noch nicht das gesamte Land erobern.

Eines dieser Dörfer, in dem der Zaubertrank noch über der offenen Feuerstelle und nicht im Thermomix gekocht wird, ist der Videodrom in der Friesenstraße in Berlin.

 

Der Eingangsbereich des Videodroms

Während die großen Streamingdienste oftmals nur über eine sehr begrenzte Auswahl an Klassikern verfügen und in den letzten Jahren zunehmend zielgruppenaffine Eigenproduktionen an den Start bringen, glänzt der Videodrom mit einem breitgefächerten Angebot, das so gut wie alle Genres und Ländergrenzen mit einbezieht. Des weiteren gibt es Ordner, in welchen die Gesamtwerke der großen Regisseure der Filmgeschichte zusammengefasst stehen. Seit 1989 wird die Videothek vom aktuellen Besitzer geführt und schon von Beginn an hat man sich auf außergewöhnliche Filmkulturerzeugnisse wie die in Deutschland damals ungewöhnlichen Orginalvertonungen oder unzensierte Schnittversionen konzentriert. 10 Jahre nach Eröffnung drohte auch schon einmal die Zwangsschließung der Behörden, die aufgrund des ungewöhnlichen Angebots den Treffpunkt aller möglichen Gauner und anderen Verrückten vermuteten. Der alte Slogan „widerliche Filme für widerliche Leute“ half dabei sicherlich nicht. Glücklicherweise könnte die Gefahr mithilfe tatkräftiger Unterstützung verhindert werden. Weitere 10 Jahre später sieht es wieder einmal nicht so besonders rosig für Videothek aus. Geschichte wiederholt sich bekanntlich.

“ Wir befinden uns im Jahr 2018 nach Christus. Ganz Deutschland ist von Filmkonsumenten besetzt, die sich auf Streamingportalen Filme und Serien ansehen, die ihnen mittels Nutzerprofilberechnung vorgesetzt werden und damit das wirkliche Entdecken und Auseinandersetzen mit filmischer Kultur verhindern. Ganz Deutschland? Nein, in Kreuzberg gibt es eine unbeugsame Videothek, die sich den Erhalt filmischen Kulturguts auf die Fahnen geschrieben hat und mittels kompetenter Beratung und überdimensionaler Auswahl das Mekka jedes Berliner Filmfans ist. „

Diesen Kommentar bei (ironischerweise) Google Maps hat ein gewisser Andre W. verfasst.

Christine Pursch in ihrem Reich

Er fasst eigentlich ziemlich gut zusammen, was Christine Pursch, Videothekarin im Videodrom als die Leitlinie der Videothek für ihre Arbeit gegen den Verfall der Filmkultur sagt.

 

Geschichte wiederholt sich und die Legionen greifen erneut an mit dem Ziel einfach alles zu beherrschen. Dieses Mal steht allerdings deutlich mehr auf dem Spiel, als das ein paar Aquädukte und schöne römische Stadttore in Trier. Gläsern sind in diesem Fall nicht die Fenster der Thermen, sondern der Mensch. In stasiähnlichen Zuständen mit dem Unterschied, dass er sich dieses Mal völlig bewusst ist, dass jegliche privaten Daten gespeichert und sogar weitergegeben werden. Aktuell herrscht Unmut über die personalisierte Werbung, aber da hören die Proteste auch schon auf. Es fehlt die Weitsicht, was für Folgen diese unheilvolle Verflechtung von Kommerz- und Geheimdienstinteressen haben könnte.

Die Videotheken oder im Generellem die Filme sind hierbei nicht das Hauptschlachtfeld, aber es geht dem Videodrom nicht nur um den Erhalt ihres eigenen Ladens oder wirtschaftliche Erfolge. Vielmehr statuieren sie ein Exempel, dass es noch Widerstand gegen die Silicon Valley-Römer gibt, die selber auf diesem Schlachtfeld einiges investieren. Von den großen GAFA (Google, Amazon, Facebook und Apple) haben bisher Amazon und bald Apple einen eigenen Streamingdienst, Facebook hat mit fb.gg im letzten Jahr einen Gaming- Lifestream Seite herausgebracht. Christine Pursch hat in ihrem Interview erwähnt, dass es den Streamimg-Seiten prinzipiell egal ist, was du guckst. Es geht ihnen lediglich darum, dass du möglichst viel Zeit bei ihnen verbringst und sie mithilfe deiner Sehgewohnheiten ihren internen Algorhithmus einspeisen können. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass dir anhand deiner Sehgewohnheiten das Fragment der Seite angezeigt wird, die zu dir passt. Diese Bubble ist also aber auch nur zufällig aus den Sachen, die du dir vorher angeguckt hast, also werden auch nur die Serien oder Filme fortgesetzt, die zufällig den Meisten angezeigt wurden. Von einem großen kulturellen Querschnitt des Films als Medien kann dabei keine Rede sein. Es ist den Konsumenten schlichtweg nicht mehr möglich sich ein eigenes Bild der Vielfalt zu machen, sondern übertrieben gesprochen schreibt ihnen der Algorhithmus vor, was sie zu gucken haben und was nicht. Und obwohl das Medium Film in der heutigen Zeit so allgegenwärtig ist, gibt es keinerlei Leitfaden oder Filmunterricht in Schulen etc. Anders als für Musik, Kunst und  Literatur, die weiterhin im Deutschunterricht eine immens wichtige Rolle für die Allgemeinbildung spielen, obwohl der Zahn der Zeit an ihnen nagt.

Wenn wir dann also in ein paar Jahren in der komplettüberwachten Digital-Dystopie leben, dann sollte wenigstens die Auseinandersetzung mit Kulturgütern nicht algorhithmusgesteuert sein, weil ansonsten keinerlei kritisches Hinterfragen der Kunst als Projektionsfläche für die Gesellschaft möglich ist.

 

 

Der großartige Tim Münster #1

Wenn „Chuck Norris“ und „Katharina die Große“ ein Kind bekommen hätten, würde dieses vermutlich nicht mal ansatzweise an die Brillanz von Tim Münster herankommen. Jedes Mal wenn sich diese imposante, engelsgleiche Erscheinung meinem Sichtfeld nähert, bekomme ich Herzrasen und es läuft mir behaglich den Rücken herunter. Glücklicherweise habe ich das Privileg Tim Münster sehr oft sehen zu können, da wir zusammen studieren und er mich darüber hinaus im Glanzlicht seiner Großzügigkeit einen Monat in seinem schlossartigen Anwesen wohnen ließ, als ich temporär ohne gültige Postanschrift war. Aber auch die ganz Großen dieser Welt haben das Leben als Lehrveranstaltung begriffen und versuchen sich konstant weiterzuentwickeln.

 

Der nachdenkliche, aber schelmische Tim Münster
Der nachdenkliche, aber schelmische Tim Münster

Das geht natürlich auch Tim Münster so. Deswegen hat er sich neben seinem straffen Trainingsplan (jeden Morgen 2km Schwimmen, 10 km Laufen und 30 km Fahrradfahren) und seiner Arbeit als Coca-Cola und Salami-Baguette Lobbyist die Zeit genommen, seinen Horizont hinsichtlich veganem Essen zu erweitern. Wie durch eine göttliche Fügung war es mir möglich diesem historischen Augenblick beizuwohnen und ein paar „Behind-The-Scenes“ Informationen zu liefern.

 

Die Anreise

Von unserem Uni-Standort am Tempelhofer Flughafen wollten wir alle gemeinsam den Bus nehmen, da dieser laut der BVG-App am Schnellsten zum Tianfuzius am Viktoria-Luise-Platz führen sollte. Lediglich der investigative Querdenker Tim Münster hatte einen anderen Plan und entfernte sich somit von der Gruppe, um die U-Bahn zu nehmen. Niemand widersprach oder folgte ihm, um diesen Moment des Triumphs zu stören. Natürlich hatte Tim Münster Recht und empfing uns wenig später triumphal am Treffpunkt mit den Worten: „Ich hab´s euch doch gesagt. Bin schon seit 15 Minuten hier.“ Um diesen weiteren Erfolg im münsterlichen Leben gebührend zu feiern, wurde sich das ein oder andere hopfenhaltige Kaltgetränk in den alten Gierschlund gefräst. Ab dann legte Tim Münster richtig los und war kaum noch zu bremsen. Neben Anekdoten von seinem Antarktis-Marathon lieferte er noch weiteren erstklassigen Tim Münster Content, der im Folgenden als Protokoll zusammengefasst wird:

 

Das Essen

17:44 Uhr: Tim Münster möchte nach Hause, nachdem er dafür kritisiert wird, dass er seinen Kronkorken in die Natur geworfen hat. Er wird nahezu laut und ausfallend.

17:56 Uhr: Tim Münster merkt kritisch an, dass er nicht versteht, warum Insekten nicht vegan seien. Das ergebe keinen Sinn und „die Leute können mich alle mal am Arsch lecken.“

18:12 Uhr: Tim Münster lacht herzhaft und fragt sich, ob er mit seiner Cousine befreundet ist.

18:15 Uhr: Tim Münster fragt gereizt: „Man, das macht doch alles keinen Spaß hier… Was zum Teufel ist Wann Tann?“

18:17 Uhr: Tim Münster hat sich nachdem er das Wan Tan bestellt hat, ein wenig beruhigt, weil „man kann mit Frittiertem nicht so viel falsch machen, wenn man ordentlich Salz drauf haut“. Jetzt läuft er regelrecht zu Hochform auf, und doziert mit seiner väterlichen, verständnisvollen Art darüber, dass Berge per Definition mindestens 1500 Meter hoch sein müssten. Somit sei der höchste Berg Dänemarks also eigentlich gar kein richtiger Berg.

18:22 Uhr: Tim Münster hat den Anlass falsch eingeschätzt und denkt „wir sind doch zum Feiern hier“. Großzügig wie eh und je bestellt er die zweite Flasche Prosecco.

18:31 Uhr: Tim Münsters Laune kippt schlagartig, als er sein Hauptgericht bekommt. Auch nach intensiver, saltbae-esken Salzbehandlung scheint ihm seine „veganistische Ente“ nicht zu schmecken und er merkt feurig geladen an, dass er von Anfang an nichts von dieser Idee gehielten habe.

18:34 Uhr: Der Prosecco zeigt seine Wirkung und Tim Münsters Ausstrahlung hat wieder viel von der eines Mönches in Tibet. Wir tauschen unsere Gerichte und mein vegetarisches GongBao-Hühnchen schmeckt ihm tierisch. Der leckere Geschmack im Mund wird nun mithilfe einer schönen Iqos- Ladung veredelt und Tim Münster sieht aus, als hätte er gerade ein intensives Wellness-Wochenende in einem österreichischen Berghotel hinter sich. Mission accomplished!!!

23:19 Uhr: Tim Münster ist sich auch nach einigen vergangenen Stunden und zahlreichen Kaltgetränken später sicher, dass es in Dänemark auf jeden Fall keine offiziellen Berge gibt.

 

Vielleicht ist so ein (Nicht-)Bergsteiger-Trip nach Dänemark Inhalt der nächsten Tim Münster Challenge. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Held unsere Geschichte auch diese mit Leichtigkeit lösen würde.

 

Anekdoten aus Sudanatolien (Brief2)

Hallo Simon,

Mit Freude empfing ich deine Antwort. Ich schreibe dir diesen Brief aus einem idyllischen Palmenhain, gelegen in der entmilitarisierten Zone von Südanatolien. Hier ist es wirklich wunderschön und fast wie Zuhause (Stichwort viele Türken). Leider sind aber noch viel mehr Deutsche der Kategorie ein Handtuch auf der Liege hat einen ähnlichen Terretorial-Anspruch, wie ein Amerikafahne auf dem Mond.

 Genau das schließt auch an meine erste Anekdote an, mit der ich das Phänomen „Deutsch sein“ sehr gut erklärt finde. Es ereignete sich einige Stunden nach dem Frühstück am Strand des Hotels: Neben unzähligen Liegen befinden sich dort auch genau drei Hängematten, von denen eine seit Beginn der Tages mit einem Handtuch reserviert war. Nachdem ich mir die leere Hängematte eine Stunde lang angeguckt hatte, war mir das Ganze zu blöd und ich entfernte das Handtuch, um mich selber dort für einige gemütliche Minuten und natürlich auch Instagram-reife Fotos zu platzieren. Meine Intention war es nicht unbedingt direkt langjährige Wegerechts-Streitigkeiten auszulösen, aber im Falle einer Konfrontation hätte ich mir einige schlagfertige Argumente im Kopf zurecht gelegt. Dazu sollte es nicht kommen; lediglich ein älterer, dicklicher Herr, im echten, urlaubsfernen Leben wahrscheinlich ein mit seinem Leben unzufriedenen Steuerberater, blickte von seinem -vermutlich langweiligen Skandinavien-Krimi – Buch auf und starrte mich die nächste halbe Stunde entgeistert an. Als er am nächsten Tag beim Essen zufällig in meiner Nähe saß, tuschelte er mit seiner gleichermaßen fetten und langweiligen Frau und zeigte unauffällig (ich habe es mitbekommen du Vollidiot) auf mich und hatte das gesamte Essen über nichts anderes zu tun, als mich wieder anzustarren. Wahrscheinlich wird er auch Zuhause noch all seinen fetten, langweiligen Freunden von diesem ungezogenen Flegel erzählen, der es wagen konnte, eine stundenlang unbenutzte Hängematte, von denen es nur drei Stück gibt, einfach so , trotz offizieller Handtuch-Beanspruchung zu benutzen. Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe jetzt einen neuen Steuerberater. So ein paar persönliche Differenzen halten einen ja noch lange nicht auf, ordentlich Geld zu sparen. Willkommen in Deutschland. 

 

Wie ist es dir in der letzten Zeit vergangen? Hast du eigentlich noch Ziele für 2019? Und hast du einen Lieblingsbrief? Meiner ist auf jeden Fall der Fatalismusbrief von Georg Büchner.  „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst“. Eine herrliche Weltsicht. All unser Handeln hat sowieso keine Auswirkungen, weil alles von den Schreibern der Geschichte vorgegeben ist. Eine lebensbejahende Depression quasi. Damit kann ich mich identifizieren, natürlich ist unsere Existenz auf dieser komischen blauen Kugel, die irgendwo durch die Undendlichkeit rast, völlig unwahrscheinlich und sinnlos, aber ich glaube wir müssen einfach das Beste draus machen (ein Kalenderspruch darf natürlich nicht fehlen in so einem Brief) Wenn dir in einem Casino ein Freispiel angeboten wird, lehnst du ja auch nicht ab, weil du höchstwahrscheinlich verlieren wirst. 

 

In diesem Sinne, mein Guter, lass dich nicht anquatschten.

 

Dein Julez

Goethe und sein schillernder Homie (Brief1)

Lieber Simon, 

 

Wie einst bei Goethe und diesem anderen Schriftsteller, der auch schon ziemlich lange tot ist, war das Briefeschreiben stets keine aberkannte Form des Informationsaustausches. Während heutzutage der Fokus darauf liegt, seine lächerliche und höchst unwahrscheinliche Existenz mit Instagram-Storys von penibel angeordneten Frühstücksbowls abzukulten, waren Jo-Wolf und sein schillernder Homie wenigstens noch mit wichtigen Dingen wie dem Sinn des Lebens, der Liebe und sicherlich auch mit Piraten beschäftigt, die der Mann vermutlich Freibeuter nannte, um allen zu zeigen, was für ein umfassendes Vokabular er doch hat. 

 

Auch in diesen Briefen soll es um solche Themen von allerhöchster Brisanz und Relevanz gehen, natürlich auch, wer es schafft die längeren, aber gleichzeitig inhaltskonzentrierteren Sätze zu schreiben; auch einige erstklassige Anekdoten aus unserer gemeinsamen Zeit als Tiger-Dompteure in Südostindien werden nicht zu kurz kommen und generell all das, was man später als unserer literarisches Frühwerk bezeichnen wird. 

 

Diese Briefe werden die am weitesten vom Sinnstamm “konservativ” entfernte Rückbesinnung auf vergangene Tage, in denen ein entspannter Tennisaufwärmballwechsel mit der Sprache noch lange kein Grund war, einen Blog oder gar einen Podcast zu starten.  Kein nüchterner Pessimus über die Schnelllebigkeit des Lebens, sondern volltrunkener Realismus, dass eigentlich alles und besonders diese Briefe ein Widerspruch in sich sind. 

 

Mit diesen doch sehr bedacht gewählten Abschlussworten übergebe ich dir, lieber nomiS, nun die Verantwortung deinen Senf dazu und damit allen anderen die Butter vom Brot zu nehmen.  

 

Bis bald

Dein Julez